Schwellenmärkte sind ein wichtiger Bestandteil global diversifizierter Aktien-Portfolios. Allerdings unterscheiden sie sich in ihrer Wertentwicklung von entwickelten Märkten und sind deutlich volatiler.

 

In den letzten Jahren blieben die Renditen der Schwellenmärkte hinter denen der entwickelten Märkte zurück. Der MSCI Emerging Markets Index kam in der Zeit vom 01.01.2010 bis zum 31.12.201 auf eine annualisierte Gesamtrendite von lediglich 3,7%, der MSCI World ex USA Index dagegen auf 5,3% (beide Nettodiv. reinv.) und der S&P 500 Index sogar auf 13,6%. Anleger mögen von den Renditen des vergangenen Jahrzehnts enttäuscht sein. Eine abweichende Wertentwicklung der Schwellenmärkte im Vergleich zu den Entwickelten Märkten auch über längere Phasen ist stellt jedoch keine Ausnahme sondern die Regel dar, wie unter anderem ein Blick auf das vorherige Jahrzehnt deutlich macht. Vom 01.01.2000 bis zum 31.12.2009 lag die annualisierte Gesamtrendite des MSCI Emerging Markets Index bei 9,8% – und damit deutlich über den 1,6% des MSCI World ex USA Index und den -0,95% des S&P 500 Index.

Vergleich der Erging Markets mit den entwickelten Märkten

 

Das Ausmaß der Renditedifferenzen zwischen Entwickelten Märkten und Schwellenmärkten kann von Jahr zu Jahr groß ausfallen. Beispielsweise blieben die Schwellenmärkte in 2013 um 34 Prozentpunkte hinter den USA zurück. In der folgenden Darstellung werden diese Abweichungen im zeitlichen Zusammenhang dargestellt: Zwischen 1988 und 2019 konnten die Schwellenmärkte US-Aktien gleich viermal (1993, 1999, 2007 und 2009) um 34 Prozentpunkte oder mehr pro Jahr übertreffen und blieben viermal (1995, 1997, 1998 und 2013) in der gleichen Größenordnung hinter den US-Aktien zurück.

Entwickelte Märkte und Schwellenmärkte im direkten Vergleich

 

Anleger die über den gesamten Zeitraum von 1988 bis 2019 an ihrer Schwellenländer-Allokation festgehalten haben, wurden belohnt: Der MSCI Emerging Markets Index (Bruttodiv. reinv.) warf in diesem Zeitraum eine annualisierte Rendite von 10,7% ab, konnte damit die 5,9% des MSCI World ex USA Index (Bruttodiv. reinv.) hinter sich lassen und trotz der hohen US-Aktienrenditen der vergangenen zehn Jahre in etwa mit den 10,8% des S&P 500 gleichziehen.  Allerdings mussten Anleger dafür auch eine höhere Volatilität aushalten: Die annualisierte Standardabweichung des Schwellenländer-Index war mit 22,4% sowohl höher als in den USA (14,1%) als auch in den entwickelten Aktienmärkten außerhalb der USA (16,4%).

Diese höhere Volatilität sowie die je nach Jahr beträchtliche Renditeabweichung gegenüber entwickelten Märkten unterstreichen die Bedeutung von Geduld, Disziplin und einer soliden Allokation der verschiedenen Anlageklassen. Diese ermöglichst es Anlegern mit Vertrauen, langfristig an dieser festzuhalten, während sie in Schwellenmärkten investiert sind

 

Wertentwicklung innerhalb der Schwellenmärkte

Auch bei der Wertentwicklung zwischen den einzelnen Schwellenmärkten gibt es von Jahr zu Jahr erhebliche Abweichungen. Anleger können mit Hilfe einer möglichst breiten Streuung auf alle Schwellenmärkte eine deutlich verlässlichere Rendite erzielen, als wenn sie nur in einigen wenigen Märkten investiert sind. Die nachstehende Übersicht schlüsselt die Renditen der letzten zwei Jahrzehnte nach Land und Kalenderjahr auf. Jedes Land wird durch eine andere Farbe dargestellt, die Rangfolge ergibt sich aus der Höhe der Rendite des jeweiligen Jahres. In den 20 Jahren bis Dezember 2019 landete kein Land mehr als zweimal hintereinander weder auf den Spitzenplatz noch auf den letzten Platz. Wie in der Abbildung zu erkennen ist, ist die Wertentwicklung einzelner Märkte volatil und die Gewinner und Verlierer wechseln sich von Jahr zu Jahr ab.

 

Auffällig sind die großen Differenzen zwischen den höchsten und niedrigsten Renditen einzelner Jahre. Wie sich der folgenden Tabelle entnehmen lässt, lag der jährliche Renditeunterschied zwischen der besten und schlechtesten Marktperformance in den vergangenen Jahren zwischen 39 Prozentpunkten (2013) und 159 Prozentpunkten (2005) und im Durchschnitt bei rund 80 Prozentpunkten. Überraschenderweise beschränken sich die Extremwerte nicht auf einige wenige und auch nicht auf kleinere Länder. Vielmehr lieferten insgesamt jeweils dreizehn verschiedene Länder die höchsten bzw. niedrigsten Jahresrenditen. Diese Daten verdeutlichen, dass Anleger hohe Schwankungsrisiken eingehen, wenn sie sich auf einige wenige Länder beschränken. Für beständigen Mehrwert durch eine dynamische Länderallokation finden sich ebenso keine überzeugenden HinweiseJames L. Davis, „Mean Reversion in the Dimensions of Expected Stock Returns“ (White Paper, Dimensional Fund Advisors, 2014); besser aufgestellt sind Anleger vielmehr mit einem breit diversifizierten Portfolio, mit dem sie Renditen jeweils dort abschöpfen können, wo diese gerade anfallen.

Beste und schlechteste Emerging Markets der letzten zwei Jahrzehnte

Ein Anlageuniverum im Wandel

Insgesamt stellen Schwellenmärkte ein bedeutendes Anlageuniversum dar, das sich in seinem Umfang und in seiner Zusammensetzung seit den späten Achtzigerjahren und der Entstehung umfassender Datenbanken und Indizes für Schwellenmärkte kontinuierlich weiterentwickelt. Bedeutende geopolitische, wirtschaftliche und demografische Veränderungen haben im Laufe der Jahre zu Gewichtungsverschiebungen individueller Länder und Unternehmen innerhalb der Schwellenmärkte beigetragen, insgesamt ist das Anlageuniversum jedoch gewachsen.

Ende 2019 belief sich die um Streubesitz bereinigte Marktkapitalisierung des Dimensional-Schwellenmarktuniversums auf insgesamt 7,8 Billionen US-Dollar, bestehend aus 24 Ländern und über 7.000 Wertpapieren. Schwellenmärkte machen 12,5% der globalen streubesitzbereinigten Aktienmarktkapitalisierung aus. Die beiden folgenden Tortendiagramme veranschaulichen, dass das Verhältnis von Marktkapitalisierung zum Bruttoinlandsprodukt in den Schwellenmärkten in der Regel niedriger als in entwickelten Märkten ist. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegt der Anteil der Schwellenmärkte am Weltmarkt sogar bei bedeutenden 38,0%.

Anteil der Schwellenmärkte am Weltmarkt

 

Die folgenden beiden Tortendiagramme schlüsseln das Dimensional Schwellenmarkt-Anlageuniversum nach Ländern auf beziehungsweise zeigt die größten entwickelten Märkte.. Auf die fünf Länder mit der höchsten Marktkapitalisierung (Brasilien, China, Indien, Korea und Taiwan) entfallen per Ende des Jahres 2019 73,2% der Marktkapitalisierung und damit etwas mehr als zu Beginn des Jahrzehnts (68,8%). Bedeutender war der Aufstieg Chinas, dessen Anteil an der Schwellenmarkt-Marktkapitalisierung von 17,2% Ende 2009 auf 31,4% Ende 2019 kletterte. Der Anstieg geht vor allem auf Neuemissionen zurück, sowie auf die Tatsache, dass ausländische Investoren sich inzwischen leichter an chinesischen Unternehmen beteiligen und über das „Hongkong Stock-Connect“-Programme in Aktien investieren können, die in Shanghai oder Shenzhen notiert sind.

Das wachsende Gewicht Chinas im Schwellenmarkt-Anlageuniversum hat unter Anlegern Fragen zu möglichen Konzentrationsrisiken aufgeworfen. Bei der Beantwortung dieser komplexen Fragen sollte man allerdings den Anteil Chinas an der gesamten Aktienmarktkapitalisierung nicht außer Acht lassen. Im Schwellenmarkt-Anlageuniversum kann China demnach 31,4% der Marktkapitalisierung auf sich vereinen, global sind es jedoch nur 3,9%. Damit ist China nach Marktkapitalisierung das viertgrößte Land  hinter den USA, Japan und Großbritannien.

Die fünft grössten Länder nach Marktkapitalisierung

 

Das Anlageuniversum der Schwellenmärkte hat sich in den letzten zehn Jahren jedoch nicht nur in seinem Umfang und in seiner Zusammensetzung verändert, auch die Mikrostrukturen und Mechanismen des Marktes haben sich deutlich gewandelt. Grundsätzlich ist Kapital heute mobiler, sodass ausländische Investoren einfacher in Schwellenmärkte investieren können. Die Öffnung der Schwellenmärkte zeigt sich unter anderem an der sinkenden Zahl an Marktschließungen, Kapitalverkehrsrestriktionen und Handelsstopps einzelner Aktien. Zudem haben viele Schwellenmärkte in den letzten zehn Jahren internationale Rechnungslegungs- und Berichtstandards weitgehend übernommen. Zudem folgen mehr als 90% der Unternehmen in den Schwellenländern bei der Erstellung ihrer Jahresabschlüsse inzwischen den International Financial Reporting Standards (IFRS) oder den US Generally Accepted Accounting Practices (GAAP). Die nationalen Standards in Ländern wie China, Indien und Taiwan orientieren sich größtenteils an den IFRS-Vorgaben. Finanzdaten aus Schwellenländern sind dadurch verlässlicher und transparenter geworden.

 

Kernaussage

Schwellenmärkte stellen ein bedeutendes Anlageuniversum dar und entwickeln sich in ihren Strukturen, Mechanismen und Zugangswegen laufend weiter. Um das Potenzial dieser Märkte auszuschöpfen , müssen sich Anleger kontinuierlich mit Veränderungen im Marktumfeld klarkommen. Neben einem langfristigen Anlagehorizont helfen dabei auch Erfahrung, Disziplin und Diversifikation.

Nikolaus Reeder

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