„Der Markt mag keine Ungewissheit“ – diese Aussage wurde in den letzten Jahren sehr oft verwendet, doch wie logisch ist sie? Der Begriff „Ungewissheit“ beinhaltet viele unterschiedliche Aspekte. Einige dieser Aspekte sind messbar, andere nicht. Ungewissheit ist eine unabänderliche Bedingung des Seins. Als Individuen fühlen wir uns mehr oder weniger unsicher und dieses Gefühl ist ein spezifisch menschliches Phänomen.

 

Die Ungewissheit selbst hängt nicht von einer bestimmten Stimmung an den Finanzmärkten ab, sondern ist stets mit konkreten Finanzanlagen verbunden. Jede Anlage mit einer erwarteten Rendite über dem „risikolosen Zins“, wie beispielsweise kurzfristige Bundesanleihen, zwingt den Anleger, zwischen Sicherheit und einer möglicherweise höheren Rendite, abzuwägen. Aber auch Anlagen, die nur den risikolosen Zins abwerfen, bergen Unsicherheiten, nur werden diese in der Regel vom Anleger ausgeblendet.

Betrachten wir die Ungewissheit am Beispiel eines Aktieninvestments im Vergleich zu einem Investment in Anleihen. Aktien weisen im Allgemeinen eine höhere erwartete Rendite auf als Anleihen, da die Ungewissheit über die künftige Entwicklung von Aktien höher ist als jene für Anleihen. Letztere weisen meist einen festen Coupon sowie ein bestimmtes Fälligkeitsdatum auf, an welchem das eingesetzte Kapital voraussichtlich zurückgezahlt wird. Bei Aktien ist dies nicht der Fall. Anleihen haben zudem einen höheren Rang in der Kapitalstruktur eines Unternehmens. Dies bedeutet, dass bei Konkurs eines Unternehmens Anleiheninhaber gegenüber Aktionären vorrangig ausgezahlt werden. Bevorzugen Anleger aufgrund dieser geringeren Ungewissheit daher Anleihen gegenüber Aktien? Ganz im Gegenteil: Viele Anleger investieren ihr Kapital in Aktien, da sie dadurch eine höhere Rendite erwarten. Denn letztendlich sind viele Anleger oftmals bereit, eine höhere Ungewissheit für eine potenziell höhere Rendite in Kauf zu nehmen.

 

Nicht von den eigenen Emotionen leiten lassen

Die Aussage, dass der Markt keine Ungewissheit mag, scheint vielleicht nicht vollkommen logisch sein, doch können Sie daraus etwas lernen. Wenn Sie genauer über die Bedeutung dieser Aussage nachdenken, können Sie erkennen wie einzelne Anleger denken. Mit dieses Aussage versucht man, den Markt zu personifizieren, indem ihm eine sehr reale Nervosität und Angst zugeschrieben wird, die so manchen Anleger bei einer Zunahme der Volatilität befallen. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass viele Anleger bei Kursschwankungen an den Märkten Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle von ihren Anlageentscheidungen zu trennen. Nicht zuletzt lernen wir daraus, dass Änderungen der Marktpreise vielen Anlegern Sorgen bereiten, egal ob die Märkte neue Höchststände erreichen oder sich gerade in einem Abwärtstrend befinden.

Oftmals fühlen sich solche Phasen für Anleger nicht wie gute Investitionszeitpunkte an, aber im Nachhinein glauben sie zu wissen, ob ein bestimmter Zeitraum für Investments günstig gewesen ist oder nicht. Bezogen auf die Zukunft bleibt aber festzuhalten, dass sie in jedem Fall ungewiss ist.

 

Bewahren Sie die Ruhe

Vor kurzem wurde David Booth, der Gründer von Dimensional Fund Advisors gefragt, was es bedeutet, ein langfristiger Anleger zu sein:

„Ich werde oft gefragt: ‚Wie lange muss ich warten, bis sich eine Investmentstrategie auszahlt? Wie lange muss ich warten, bis ich mir sicher sein kann, dass Aktien eine höhere Rendite als Geldmarktfonds beziehungsweise eine positive Rendite bringen?‘ Meine Antwort lautet: mindestens ein Jahr länger, als Sie eigentlich wollen. Es gibt keine magische Zahl. Risiko ist immer vorhanden.“

Um in Zeiten, in denen die gefühlte Ungewissheit zunimmt, Ruhe bewahren zu können, brauchen Anleger eine individuell angemessene Allokation zwischen unterschiedlichen Anlageklassen, die ihrer Bereitschaft und Fähigkeit, Risiken in Kauf zu nehmen entspricht. Sie sollten auch beachten, dass sie in vermeintlich guten oder schlechten Zeiten keine höhere Rendite erwarten können, ohne dabei ein gewisses Risiko einzugehen. Es mag zwar sein, dass Anleger bei einem Rückgang des Marktes mitunter kein gutes Gefühl haben, doch kann ein individuell angepasstes Portfolio, ein Bewusstsein über die Tatsache, dass Ungewissheit zum Anlegen dazugehört, sowie das Festhalten an einen im Voraus festgelegten und regelmäßig angepassten Plan, Anlegern dabei helfen, emotionale Reaktionen zu vermeiden.

Dies gelingt um so besser, je länger der Anlagehorizont des Anlegers ist. Die nächste Abbildung veranschaulicht am Beispiel des S&P 500 Index die historische Häufigkeit positiver Renditen über gleitende Zeitraum von 1, 5, 10 und 15 Jahren. Auch wenn eine positive Wertentwicklung nicht garantiert werden kann, lässt sich leicht erkennen, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer positiven Rendite verbessert, je länger der Anlagehorizont ist.

 

Häufigkeit positiver Renditen des S&P 500 Index 1926 -2016

Kernaussage

Es ist falsch aus Angst vor dem Ungewissen nicht zu handeln, genauso wie unüberlegt zu agieren. Entscheidend ist vielmehr, eine zu seiner individuellen Risikotragfähigkeit passende Vermögensallokation vorzunehmen und sich bereits im Vorfeld über mögliche Wertentwicklungen des eigenen Vermögens bei verschiedenen Marktphasen zu informieren.

Nikolaus Reeder

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