Als Anleger ist es wichtig, die Macht der Schwarmintelligenz bei der Preisbildung von Wertpapieren richtig zu verstehen. Für Anleger die sie verstehen wird das Investieren bedeutend einfacher.

 

Vor ein paar Tagen wurde ich in unserer Apotheke anlässlich ihrer Neueröffnung eingeladen, zu schätzen, wieviele Tablette sich in einem Glastopf befinden. Bewaffnet mit meinem Wissen zur Schwarmintelligenz überlegte ich, ob ich wohl statt einer Zahl auf meine Karte “Durchschnittswert aller Schätzungen” schreiben dürfe. Dann entschied ich mich aber für eine echte Schätzung und bat den Apotheker nur, den Durchschnittswert aller Schätzungen zu ermitteln. Bei der anschließenden Auswertung stellte sich heraus, dass meine Schätzung zwar nicht katastrophal aber doch recht weit entfernt von der tatsächlichen Zahl lag. Das überraschte mich nicht sonderlich. Allerdings war ich bezüglich der durchschnittlichen Schätzzahl irritiert. Diese lag zwar näher am tatsächlichen Ergebnis als die von mir geschätzte Zahl aber aber sie lag trotzdem noch deutlich entfernt vom tatsächlichen Ergebnis. Darüber hinaus gab es sogar mehrere Teilnehmer, die besser als die durchschnittlich geschätzte Zahl lag. Wie konnte das sein?

Die Schwarmintelligenz umschreibt die Beobachtung, dass Gruppen, zumindest bei Sachfragen, durchweg zu genaueren Antworten kommen, als selbst die intelligentesten Einzelpersonen in Gruppen … unter einem Vorbehalt: jeder Teilnehmer muss frei sein, eigenständige Gedanken zu entwickeln, ansonsten kann die Gruppendynamik das Ergebnis verzerren.

Die Schwarmintelligenz lässt sich mit einem einfachen Experiment mit Hilfe einer Schüssel voller Gummibärchen verdeutlichen. In einem dieser Experimente mussten Studenten raten, wieviele Gummibärchen sich in einer Glasschüssel mit 850 Gummibärchen befinden. DieVermutung der Gruppe – d.h., der aggregierte Durchschnitt der Vermutungen der einzelnen Studenten – kam dem Wert mit 871 recht nahe. In diesem Experiment schnitt nur ein Student besser ab. Bei ähnlich strukturierten Experimenten gehört der Gruppenkonsens immer wieder zu dem genauesten Ergebnis.

Am Kapitalmarkt funktioniert die Schwarmintelligenz ähnlich. Überträgt man die Erkenntnisse der Schwarmintelligenz auf die Vielzahl der täglichen Handelsgeschäfte, bedeutet dies, dass jedes Geschäft zu einem Preis abgeschlossen wird, der mehr oder weniger deutlich von dem „fairen“ Preis entfernt ist. Dabei basieren diese einzelnen Transaktionen auf unterschiedlichen Annahmen und Kenntnissen. Bei einem Tagesdurchschnitt von 60 Millionen Transaktionen mit einem Volumen von 250 Milliarden Euro an den 50 größten Börsen im Jahr 2014 (Quelle: World Federation of Exchanges) führen diese Informationen zu einer effizienten und fairen Preisbildung.

Bei meinem Apothekenbesuch konnte die Schwarmintelligenz aus zwei Gründen nicht richtig greifen. Zum einen beeinflussten sich die Teilnehmer teilweise untereinander, denn es war möglich einige der Schätzungen in der Kartensammelbox zu sehen. Zum anderen nahmen nur wenige Kunden an der Schätzung teil, so dass die durchschnittlich geschätzte Zahl durch eine einzelne Schätzung bereits stark schwankt. Am Kapitalmarkt finden täglich hingegen ungefähr 60 Millionen “Schätzungen statt”, so dass eine einzelne Schätzung keinen Einfluss mehr auf das Durchschnittsergebnis haben kann.

 

Kernaussage

Das Verstehen der Schwarmintelligenz und ihre Steuerungswirkung auf die effiziente Preisbildung am Markt, ist der erste Schritt, um an den hochliquiden Kapitalmärkten bei niedrigen Kursen zu kaufen und bei hohen zu verkaufen. Anstatt der wissenschaftlich widerlegten Meinung nachzuhängen, dass Sie die kollektive Intelligenz der Märkte regelmäßig überlisten können, tun Sie gut daran zu akzeptieren, dass der Markt bei der Vorhersage von Kursen besser ist als Sie. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, die vom Markt gebotenen Erträge möglichst effizient einzusammeln.

Nikolaus Reeder

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