Social-Media-Investoren haben sich auf unkonventionellen Plattformen zusammengetan, um Kurse einzelner Aktien in die Höhe zu treiben.

Social-Media-Investoren haben sich auf unkonventionellen Plattformen zusammengetan, um gemeinsam die Kurse einzelner „Meme-Aktien“ in die Höhe zu treiben. Auf eine Bewertung von Chancen und Risiken im herkömmlichen Sinn verzichten sie dabei anscheinend, schließlich lebt man nur einmal (englische Abkürzung: YOLO). Seitdem sie mit ihrem „Short Squeeze“ von GameStop Schlagzeilen gemacht haben, setzen sie ihre Taktiken unter dem wachsamen Blick der Medien fort. Dabei ist die Widerlegung Hypothese effizienter Märkte sicherlich nicht das eigentliche Ziel der YOLO-Händler. Allerdings könnte sie diesen jedoch zum Opfer fallen – je nachdem, wie man Markteffizienz definiert. Gegebenenfalls sollten sich langfristig orientierte Anleger deshalb über mögliche Auswirkungen auf ihre Anlagephilosophie Gedanken machen.

Wirtschaftsnobelpreisträger Eugene Fama definiert die Hypothese effizienter Märkte sehr einfach. Sie besagt demnach, dass alle öffentlichen Informationen in den Kursen eingepreist sind. Die Krux an  der Hypothese ist, dass sie nichts darüber aussagt, wie Investoren diese Informationen nutzen sollten, denn über die „richtige“ Anwendung von Informationen zur Preisfindung findet man nichts in dieser Hypothese.

Testen lässt sich die Hypothese nur, wenn wir ihr ein ergänzendes Modell zur Seite stellen: eine Hypothese über das Verhalten von Märkten und Anlegern. Doch ein solches Modell lässt viel Spielraum für Interpretationen. Sollten beispielsweise rationale Anleger, die sich ausschließlich über systematisches Risiko und erwartete Renditen Gedanken machen, die Preise festlegen? Es scheint nicht schlüssig, Kursbewegungen von Meme-Aktien mit wirtschaftlichen Risiken in Verbindung zu bringen. Was die Kurse bewegt, ist wohl vielmehr der Wunsch der Anleger, Teil einer sozialen Bewegung zu sein. Sie werden angetrieben von der Hoffnung auf schnellen Reichtum durch zufällige Aktienauswahl – oder vielleicht auch einfach nur von Schadenfreude.

Anleger gibt es in allen Variationen, von Privatpersonen, die ihr eigenes Geld investieren, bis hin zu Regierungen und Unternehmen, die das Vermögen Tausender Menschen anlegen. Fragt man Anleger, warum sie so investieren, wie sie es tun, erhält man ebenso viele verschiedene Ausführungen zu Zielen und Strategien. Dieses komplexe System erzeugt Nachfrage nach Aktien. Ein ebenso komplexes System reguliert das Angebot von Aktien. Wo sich Angebot und Nachfrage begegnen, liegt der Marktpreis. Man mag einwenden, dass der Markt nicht immer effizient oder rational ist, doch die Aktienmärkte sind immer im Gleichgewicht. Jede Transaktion hat zwei Seiten: Für jeden Käufer gibt es einen Verkäufer, für jeden Gewinn einen Verlust.

Wie Angebot und Nachfrage zusammenwirken, ist anhand zahlreicher sorgfältig untersuchter Beispiele belegt. Wird eine Aktie in einen breiteten Index aufgenommen, steigt die Nachfrage in der Regel deutlich – und damit auch der Aktienkurs. Ein solcher Preisanstieg kann sich zum Teil als temporär herausstellen und später wieder umkehren, sobald der enorme Liquiditätsbedarf nach einer Neuausrichtung des Index ausgeglichen ist. Solche Indexanpassungen sind jedoch nur ein Beispiel, für liquiditätsbedingte Kursbewegungen, die ein häufiges Phänomen sind.

Dass hohe Liquiditätsnachfrage vorübergehende Preisbewegungen hervorrufen kann, ist ausreichend dokumentiert. Anleger könnten sich an dieser Stelle die Frage stellen, ob die Nutzer von r/WallStreetBets andere Preisverwerfungen verursachen als Indexanpassungen. Kaufen Anleger viele Aktien, steigen vorübergehend Kurse, um später wieder auf ihren “Fundamentalwert” zurückzufallen. Relevanter scheint jedoch die Tatsache, dass Märkte hoch komplexe Systeme sind, die sehr gut darin sind, Angebot und Nachfrage zahlreicher, unterschiedlicher Marktteilnehmer zusammen zur bringen.

Menschen investieren aus den verschiedensten Gründen in verschiedene Aktien mit verschiedenen erwarteten Renditen. Lassen sich all diese Unterschiede durch Risiken erklären? Wohl kaum. Um Professor Fama zu zitieren: „Der Punkt ist nicht, dass Märkte effizient sind. Sie sind es nicht. Die EMH ist nur ein Modell.“ Und sie kann sogar ein sehr nützliches Modell sein, wenn man wissen will, wie Anleger sich verhalten sollten. Für den langfristigen Vermögensaufbau empfiehlt es sich aus unserer Sicht, so zu tun, als wären die Märkte tatsächlich effizient. Denn wer die Märkte überlisten will, setzt sein Vermögen tatsächlich aufs Spiel.

Es stimmt, man lebt nur einmal. Die gute Nachricht: Anleger müssen sich zur Erzielung guter Renditen nicht an Online-Moden orientieren. Um höhere erwartete Renditen in ihrem Portfolio anzustreben, reicht ein Blick auf die Marktpreise. Theoretische und empirische Untersuchungen zeigen, dass höhere erwartete Renditen das Ergebnis niedrigerer relativer Preise und höherer zukünftiger Cashflows sind. Informationen über erwartete Renditen finden langfristige Anleger daher eher an den Märkten als in Chatrooms.

 

Kernaussage

Eine fundierte Investment Philosophie vermeidet Trends und Moden. Sie ist von Kontinuität und einer ruhigen Hand geprägt, anstatt von hektischer Betriebsamkeit.

Nikolaus Reeder

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