Wundern Sie sich manchmal, wenn düstere Wirtschaftsnachrichten von steigenden Aktienkursen begleitet werden? Dann sind Sie nicht allein. Für dieses auseinander Klaffen vom Aktienmarkt und den Wirtschaftsindikatoren gab es in den vergangenen Wochen zahlreiche Beispiele. Aber wie kommt es zu dieser Diskrepanz?
Die Investoren an den Kapitalmärkten schauen immer in die Zukunft. Aktuelle Preise stellen daher die aggregierten Erwartungen aller Marktteilnehmer dar. Dies schließt auch Erwartungen an die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung und mögliche Auswirkungen auf den Cashflow ein, die für den Wert einer Aktie maßgeblich sind. Gehen die Märkte also davon aus, dass das konjunkturelle Umfeld die Cashflows von Unternehmen senken wird, können die Märkte reagieren, lange bevor die Cashflows tatsächlich sinken. Diese Erwartungen sind in den Marktpreisen enthalten. Je nachdem, ob und inwieweit die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung von den Erwartungen abweicht, kann es zu Korrekturen am Aktienmarkt kommen. Kommt es weniger schlimm als erwartet, können daher auch schlechte Nachrichten aus der Wirtschaft zu steigenden Aktienkursen führen.
Dass die Märkte stets in die Zukunft blicken, verdeutlicht zum Beispiel das Verhältnis zwischen dem US-Bruttoinlandsprodukt (BIP) und den Risikoprämien von Aktien, also der Mehrrendite von Aktien gegenüber einmonatigen US-Staatspapieren. Vergleicht man die US-Aktienprämien und das Wirtschaftswachstum desselben Jahres (oberes Diagramm), ist kein klarer Zusammenhang erkennbar - es besteht keine hohe Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Aktienrenditen innerhalb einer Jahresfrist.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Finanzmärkte Wirtschaftsdaten ignorieren. Schließlich erfasst das BIP zahlreiche wirtschaftliche Kennzahlen, und mag daher die für Aktienkurse relevanten Faktoren nur ungenau abbilden. Für die mangelnde Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Aktienprämien des gleichen Jahres gibt es jedoch auch andere Gründe, wie eine eingehendere Analyse zeigt.
Vergleicht man das Wirtschaftswachstum eines Jahres mit den Aktienprämien des Vorjahres (unteres Diagramm), erkennt man eine deutlich stärkere Korrelation. Der positive Trend in den Daten deutet darauf hin, dass die Marktpreise tatsächlich auf Wachstumsveränderungen reagiert haben. Allerdings haben sie diese vorweggenommen. Dies bestätigt das Märkte zukünftige Wachstumserwartungen einpreisen.


Jedes Jahr durchlaufen Indizes wie die von CRSP, Russell oder S&P einen Prozess der sogenannten Neuausrichtung. Im Zuge dieses Prozesses werden bestimmte Aktien in den Index aufgenommen oder herausgenommen. Ziel dieser Neuausrichtung ist ein regelmäßiges Rebalancing der Indizes, um Preisveränderungen der einzelnen Aktien während des vorangegangenen Zeitraums zu berücksichtigen. Indexanbieter haben für die Aufnahme von Aktien in den jeweiligen Index, beziehungsweise für ihren Ausschluss, unterschiedliche Verfahren, die sich nur geringfügig unterscheiden, aber alle Anbieter nehmen Anpassungen zu festen Terminen vor.
Um zu entscheiden, welche Aktien in den Index aufgenommen oder aus dem Index gestrichen werden, berücksichtigen die Indexanbieter neben der Marktkapitalisierung den Marktpreis einer Aktie, der es ihm ermöglicht, zu bestimmen, bei welcher Aktie es sich um eine Small Cap- oder Large Cap-Aktie oder um eine Value- oder Growth-Aktie handelt.
Nur an diesen für die Neuausrichtung festgelegten Terminen wird der Indexanbieter die Marktpreise berücksichtigen. An allen anderen Tagen, zwischen den Neuausrichtungsterminen, fließen die Preisänderungen von Aktien nicht in den Index ein. Da allerdings ein direkter Zusammenhang zwischen dem Preis einer Aktie und ihrer erwarteten Rendite besteht, werden Unterschiede bei den erwarteten Renditen somit nur zu wenigen Zeitpunkten innerhalb des Jahres in den Indizes berücksichtigt.

Die Märkte erfassen und verarbeiten nicht nur riesige Mengen an Wirtschaftsdaten, sondern auch Erwartungen an ihre zukünftige Entwicklung. Die Kapitalmärkte preisen diese Informationen ein – und werden so vielleicht sogar selbst zum besten Indikator für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung.





